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Ein weit verbreiteter Irrtum unter Privatanlegern ist, dass ein hohes Maß an Diversifikation automatisch durch eine große Anzahl unterschiedlicher ETFs erreicht wird. Viele stellen sich ihr Portfolio als eine Art Sammlerkasten vor, bei dem jeder weitere ETF ein neues, unentdecktes Segment abdeckt. Doch die Realität ist oft eine andere: Ohne eine durchdachte Strategie kann eine scheinbar breite Streuung schnell zu ineffektiven Überlappungen und unnötiger Komplexität führen. Die Frage ist nicht, wie viele ETFs man besitzt, sondern wie gut diese unterschiedliche Risikoquellen abdecken.
Der Mythos der ETF-Anzahl: Warum mehr nicht immer mehr bedeutet
Das menschliche Gehirn neigt dazu, mehr als besser zu empfinden, besonders wenn es um Sicherheit geht. Bei der Geldanlage übersetzen viele dies in die Gleichung: viele ETFs gleich viel Diversifikation. Ein klassisches Beispiel für das Gegenteil ist die Kombination eines ETFs auf den MSCI World Index mit einem ETF auf den S&P 500 Index. Auf den ersten Blick wirken dies wie zwei unterschiedliche Anlagen. Der S&P 500 Index umfasst die 500 größten börsennotierten Unternehmen der USA, während der MSCI World Index die größten und liquidesten Unternehmen aus 23 Industrieländern abbildet.
Was viele dabei übersehen: Die USA haben im MSCI World Index ein Gewicht von oft über 60%. Das bedeutet, dass ein Großteil der S&P 500-Unternehmen bereits im MSCI World enthalten ist – und dort entsprechend stark gewichtet wird. Wer beide ETFs im Portfolio hält, verdoppelt nicht seine Diversifikation, sondern erhöht lediglich die Gewichtung der US-Wirtschaft und der größten US-Konzerne innerhalb seines bereits stark US-lastigen globalen Portfolios. Diese Art der "Diversifikation" führt also zu einer Verstärkung einer bestehenden Konzentration statt zu einer echten Risikostreuung über neue geografische oder sektorale Bereiche.
Diversifikation verstehen: Was wirklich zählt
Echte Diversifikation bedeutet, das Vermögen über verschiedene Risikoquellen zu streuen. Das schließt nicht nur geografische Regionen ein, sondern auch Branchen, Unternehmensgrößen, Währungen und im Idealfall auch verschiedene Anlageklassen. Ein globaler Aktien-ETF, wie ein FTSE All-World oder ein MSCI World ETF, ist bereits ein Meisterwerk der Diversifikation. Er bündelt Tausende von Unternehmen aus Dutzenden von Ländern und über verschiedene Branchen hinweg. Die Gewichtung erfolgt dabei meist nach Marktkapitalisierung, was bedeutet, dass die größten Unternehmen und die größten Volkswirtschaften auch den größten Anteil am Index haben.
Dieser Ansatz bietet bereits eine sehr breite Streuung und reduziert das Einzelunternehmensrisiko sowie das Länderrisiko erheblich. Man muss sich bewusst machen, dass die meisten globalen ETFs bereits von Natur aus ein hohes Maß an Streuung mit sich bringen. Jede zusätzliche Anlage sollte daher die Frage beantworten: Welche neue, bisher ungedeckte Risikoquelle decke ich damit ab oder welche bestehende Gewichtung möchte ich bewusst verändern?
Gezielte Portfolio-Ergänzungen: Wann zusätzliche ETFs sinnvoll sind
Es gibt durchaus Situationen, in denen die Beimischung weiterer ETFs sinnvoll sein kann. Das Ziel ist hierbei jedoch nicht, "mehr" ETFs zu haben, sondern die Diversifikation gezielt zu erweitern oder eine spezifische Strategie zu verfolgen, die über die Standard-Marktkapitalisierungsgewichtung hinausgeht.
Mögliche Gründe für zusätzliche ETFs könnten sein:
- Gezielte Beimischung unterrepräsentierter Regionen oder Unternehmensgrößen. Beispielsweise, um Small Caps (kleinere Unternehmen) stärker zu gewichten, die oft nicht so prominent in globalen Standardindizes vertreten sind, oder um Schwellenländer überproportional zu berücksichtigen.
- Umsetzung spezifischer Faktor-Strategien (z.B. Value oder Small Cap). Hierbei werden Unternehmen nach bestimmten Kriterien ausgewählt, die historisch tendenziell eine Überrendite versprachen.
- Ergänzung um andere Anlageklassen, wie Anleihen-ETFs zur Risikoreduktion oder Immobilien-ETFs (REITs), um das Portfolio breiter aufzustellen.
Wichtig ist dabei immer die Absicht: Jede Ergänzung sollte bewusst erfolgen und ein klares Ziel verfolgen, das über das bloße Hinzufügen eines weiteren Fonds hinausgeht. Wer beispielsweise eine Überrendite in Schwellenländern erwartet, kann zusätzlich zum globalen ETF einen Schwellenländer-ETF beimischen, um deren Anteil im Portfolio zu erhöhen.
Das Risiko der Überkomplexität und des "Over-Diversifying"
Mit jedem zusätzlichen ETF steigt die Komplexität des eigenen Portfolios. Anleger müssen nicht nur die Performance jedes einzelnen Fonds im Auge behalten, sondern auch deren Wechselwirkungen und die sich daraus ergebende Gesamtallokation. Dies kann schnell unübersichtlich werden und dazu führen, dass man den Überblick verliert oder unnötig hohe Gebühren zahlt, wenn man beispielsweise aktiv zwischen vielen Nischen-ETFs hin- und herschichtet.
Zudem gibt es einen Punkt, an dem die zusätzliche Diversifikation kaum noch einen Mehrwert bietet. Das Hinzufügen eines 10. oder 20. ETFs bringt oft keine signifikante Risikoreduktion mehr, sondern lediglich eine Verwaltungslast. Ein Werkzeug wie Planafolio kann hierbei helfen, den Überblick über das gesamte Portfolio zu behalten, Überlappungen zu erkennen und die Asset Allocation zu überwachen, unabhängig von der Anzahl der gehaltenen ETFs.
Ein optimal diversifiziertes Portfolio zeichnet sich nicht durch die Anzahl seiner ETFs aus, sondern durch die durchdachte Streuung seiner Risiken über relevante Dimensionen.
Fazit: Qualität statt Quantität
Die Annahme, dass mehr ETFs automatisch zu besserer Diversifikation führen, ist ein Trugschluss. Für die meisten Privatanleger reicht bereits ein einziger globaler Aktien-ETF aus, um eine beeindruckende Breite an Unternehmen und Regionen abzudecken. Wer sein Portfolio darüber hinaus gezielt diversifizieren möchte, sollte sich fragen, welche spezifische Risikoquelle oder Strategie er damit adressiert. Ob ein, zwei oder drei ETFs – entscheidend ist die Qualität der Streuung, nicht die reine Quantität der Fonds. Ein schlankes, aber strategisch fundiertes Portfolio ist oft effektiver, einfacher zu verwalten und transparenter. Denk daran: Dein Ziel ist eine effiziente Risikostreuung, nicht die größte ETF-Sammlung.
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